Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

ist es Euch aufgefallen? Jahrelang wurde versucht uns weiszumachen, dieses Gelände sei ein bereits befestigtes und versiegeltes Grundstück, das nicht sonderlich schützenswert und zur Bebauung geeignet sei. Heute wird uns nun mit dem Argument des gefährlichen und zugewucherten Areals der Zugang zu eben selbigem verweigert. Mehr noch: Die Haftung der Stadt bei Betreten wird ausdrücklich ausgeschlossen. Muss man sich einmal in Ruhe auf der Zunge zergehen lassen.

Die Corona-Pandemie stellt alle Bereiche auf eine harte Bewährungsprobe – auch unsere Demokratie. Aber das heißt doch, dass ich mit den Grundrechten gerade in dieser Zeit sehr sorgsam umgehen muss. Demonstrationen wie diese hier und auch letzte Woche am Bögelsknappen sind für Organisatoren eh schon eine Mammutaufgabe. Da sind zusätzliche behördliche Steine auf dem Weg mehr als unangebracht.

Ich will hier nicht alles bereits Gesagte wiederholen. Und was die Historie der Diskussion um das Icktener Bachtal angeht, ist der harte Kern der Interessengemeinschaft hier auch der weitaus kompetentere Ansprechpartner.

Ich möchte aber ein paar persönliche Empfindungen darlegen: Für mich war dieses Gebiet hier von Anfang der Debatte an ein schützenwertes Gelände.

Einerseits aus dem Umstand heraus, dass ich schon immer sehr naturverbunden war, aber auch weil Kettwig und seine Wälder mir eine sehr schöne, natürliche und erlebnisreiche Kindheit und Jugend beschert haben. Und dieses Erlebnis möchte ich gerne für nachfolgende Generationen gesichert wissen. Denn wir alle wissen: Natur, die einmal zerstört wird, wird selten zurückgeholt. Und wenn doch, dann als umzäuntes Naturschutzgebiet und nicht als Bereicherung für das Leben und den Alltag Vieler.

Politisch wurde das Thema „Ickten“ für mich in der Folge eine schmerzliche Erfahrung. Auch in meiner Ratsfraktion, der ich seinerzeit nur beratend angehörte. Eigentlich sprach meines Erachtens alles dafür, hier die Zäune einzureißen und die Natur ihr Werk vollenden zu lassen. Es wurde dann aber eine intensive, in Teilen emotionale und harte Debatte, in der verschiedene Weltsichten aufeinanderprallten und wo es auch nicht immer nur um die Sache ging. Am Ende des Tages war es bei der finalen Abstimmung eine knappe Niederlage, aber eine Niederlage. An dem Tag wurde mir aber auch deutlich, dass eine starke Stimme hier aus dem Essener Süden Teil der neuen SPD-Ratsfraktion werden muss. Und ich verrate kein Geheimnis, dass ich mich hier in der Pflicht sah. Ich bin froh, dass ich in der neuen Ratsfraktion viele gleichgesinnte Kolleginnen und Kollegen habe, die auch die eine oder andere Entscheidung der letzten Jahre einem kritischen Rückblick unterziehen.

Damit werden Entscheidungen der letzten Jahre nicht zurückgenommen. Aber es geht hier ja auch um mehr. Es geht um mehr als um das Stück Landschaft, das vor uns liegt.

Es geht darum, dass wir aus einzelnen Verbündeten, die sich Gedanken um das Morgen machen, eine gesamtgesellschaftliche Bewegung machen müssen. Und dabei ist das Thema „Ickten“, aber auch der „Bögelsknappen“, ein ganz wichtiges Symbol und auch eine Mahnung. Und das geht alles nicht von heute auf morgen. Aber wir müssen heute anfangen, damit wir morgen ernten können. Auch deshalb stehen wir heute hier.

Umweltschutz und Naturschutz ist eben nicht das Hobby einiger Weniger, die es sich leisten können. Gerade die Lockdownzeit im letzten Frühjahr hat uns doch gezeigt, dass es hier um Naherholung vor der eigenen Haustür und um Lebensqualität geht. Es war doch eine prägende Erfahrung, sich in der Coronazeit nicht in den Flieger setzen zu können, um dort in der Ferne die Natur zu erleben, die bei uns zuhause keinen Raum mehr hat. Das hat doch die Begriffe „Heimat“ und „Identität unserer Quartiere“ mit einer neuen Wichtigkeit erfüllt.

Was müssen wir tun? Woran scheitern so viele Ideen? Es liegt doch nicht nur daran, dass Politik zu mutlos und Verwaltung zu langsam ist. Das wäre etwas kurz gedacht. Wobei beides natürlich auch Teil des Problems ist. Die weitergehende Antwort ist meines Erachtens sehr simpel: Weil wir es verlernt haben, als Gesellschaft geeint in die Zukunft zu schauen und zu gehen. Stattdessen prallen die Meinungen aufeinander. Teilweise in einer extremen Ausprägung und mit einer Wortwahl, dass ich nur noch den Kopf schütteln kann.

Ich glaube, die Menschen sind vielfach auch bereit zu Veränderungen. Sie haben nur genug von Sonntagsreden. Sie wollen zum Beispiel nicht nur hören, dass man vom Auto auf einen guten Nahverkehr umsteigen könnte. Sie wollen diesen guten Nahverkehr jetzt vor der Tür haben, um heute auf das zweite oder dritte Auto zu verzichten.

Warum versuchen wir nicht einmal, die verschiedenen Interessen zusammenzubringen? Das bedarf natürlich einer Tugend: Zuhören, sich auf den anderen einlassen und sich in das Gegenüber, in seine Sorgen und Ängste aber auch Hoffnungen und Träume, hineinzuversetzen. Und aus diesen Hoffnungen und Träumen müssen wir Wirklichkeit werden lassen. Gemeinsam. Mit dem Ziel einer Gesellschaft, mit der sich jeder identifizieren kann.

Und warum denken wir nicht mal verrückt, um die Interessen nicht gegeneinander auszuspielen? Ich will doch niemandem seine Autofahrt nehmen. Aber warum erlasse ich einem Investor nicht einfach zehn Parkplätze, die er schaffen müsste, wenn er dafür drei Car-Sharing-Plätze vor dem Neubau betreibt? Warum erlasse ich dem Investor nicht die Nachpflanzung von drei Bäumen, wenn er dafür drei Lastenräder für die Nachbarschaft zur Verfügung stellt?

Wenn ich nicht die grüne Wiese oder wie hier das Icktener Bachtal versiegeln möchte und Wohnen zeitgleich bezahlbar sein soll: Warum erlasse ich nicht eine feste Quote für öffentlich geförderten Wohnraum bei Neubau und Sanierungen?

Und warum habe ich nicht den Mut, diese Quoten in den teuren Stadtquartieren höher zu machen? Warum verbiete ich es nicht, dass ein einzelner Discounter in die Landschaft platziert wird? Warum erlasse ich nicht die Pflicht, dort mindestens zwei Etagen Mehrgenerationenwohnungen noch oben drauf zu packen? Wenn doch jedermann heute ein Flachdach möchte, warum mache ich das nicht zur Gelegenheit? Warum verpflichte ich nicht dazu, diese neue „Freifläche“ zu begrünen oder mit Photovoltaik zu versehen?

Ich möchte enden mit denselben Worten, die ich in ähnlicher Weise bereits letzte Woche am Bögelsknappen gewählt habe und die auch hier Ihre Gültigkeit besitzen.

Ich möchte der engagierten Interessengemeinschaft Danke sagen – für den Einsatz, die Zeit und das Herzblut in diesem Kampf für unsere Natur. Ihr habt mit dem bisher Geleisteten ein wichtiges Werk getan. Gemeinsam mit vielen anderen Initiativen stadtweit macht Ihr deutlich, dass die Schöpfung uns eben nicht anvertraut wurde, um sie maximalem Gewinnstreben preiszugeben, sondern um sie zu bewahren und zu beschützen. Kämpfen wir in diesem Sinne weiter und hören nicht auf, uns für eine bessere und nachhaltige Zukunft einzusetzen, in der wir und die nachfolgenden Generationen alle gerne leben.

Und ein Zusatz, ich sprach es bereits letzten Sonntag an: Den Anwohnern wird oft vorgeworfen, es gehe ihnen nur darum, dass nicht vor der eigenen Haustür gebaut wird. Ja, mag sein. Wer aber so argumentiert, hat das Thema nicht verstanden. Es geht hier darum, Heimat zu bewahren. Und das ist ein legitimes Ziel.

Ein persönlicher Satz noch. Wenn man der ganzen Sache hier ein gutes abgewinnen möchte, dann ist es für mich das: Ich bin froh und dankbar, in den letzten Jahren hier so viele engagierte Menschen kennenlernen zu dürfen. Und aus diesen Begegnungen sind nicht nur Bekanntschaften, sondern vielfach auch Freundschaften geworden. Eine Bereicherung in meinem Leben.

Bleiben wir streitbar, bleiben wir engagiert und setzen uns weiterhin für ein liebens- und lebenswertes Umfeld ein. Hier und anderswo.

Ich danke Ihnen und Euch für den Einsatz.


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