Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

ich habe lange darüber nachgedacht, was man zu so einem Anlass sagt. Was man sagen kann, was nicht in den letzten zwei Jahren schon gesagt wurde? Was kann man sagen, was meine Vorrednerinnen und Vorredner nicht bereits gesagt haben? Und vor allem: Wie bekomme ich es hin, dass es nicht wie eine Trauerrede klingt?

Ich möchte mit einer Sache beginnen, die ich nie so richtig verstanden habe. Es sind ein paar Sätze, die ich in den letzten Monaten im Hinblick auf die aktive Nachbarschaft hier immer wieder gehört habe. „Die wollen ja nur weiter günstig da wohnen.“ „Die wollen sich nicht den Blick aufs Grüne verbauen lassen.“ „Die haben ja nur Angst um ihre Parkplätze vor der Tür.“ Und wie so häufig bei stetigen Wiederholungen denkt man über den Vorwurf an sich gar nicht mehr nach. Aber irgendwann habe ich mir gedacht „Ja und?“. Sind das nicht auch legitime Beweggründe? Sind das nicht auch Ziele, für die es sich zu streiten lohnt? Darf man seine Heimat, wie man sie kennt, nicht auch bewahren wollen?

Meine klare Antwort: das darf man. Und das ist auch wichtig. Bewahren heißt nicht automatisch gegen Fortschritt zu sein. Es heißt vielmehr sich darüber Gedanken zu machen, wie man offen für die Zukunft sein kann, ohne den Blick auf die Vergangenheit auszublenden. Und es heißt auch sich darüber Gedanken zu machen, wie wir anständig mit dieser Welt umgehen.

Und es ist meines Erachtens eine der wichtigsten Aufgaben von Politik, die Sorgen und Ängste der Menschen ernst zu nehmen, aufzunehmen und sie mit zu nehmen, um gemeinsam zu Antworten zu kommen.

Es wird durchaus kontrovers diskutiert, wie weit Bürgerbeteiligung gehen darf. Ich finde, das ist eine sehr theoretische Diskussion, die von der Realität längst eingeholt wurde. Die Menschen wollen nicht länger nur Betroffene, sondern Beteiligte sein. Sie wollen keine Placebos, sie wollen echte und ernsthafte Mitsprache. Und dafür heißt es moderne Formen des Austauschs auf Augenhöhe zu finden. Das ist eine der wichtigen Zukunftsaufgaben unserer Gesellschaft.

Aber es ging ja hier auch um mehr. Es ging auch darum, den Finger in eine Wunde unserer Zeit zu legen. In die Wunde einer Baupolitik, die das Maximum herauspressen will. Es geht um den Schutz der Identität von den Quartieren in unseren Stadtteilen.

Und es geht um die anderen Faktoren, die man erst einmal angehen muss, bevor man Quartiere weiter verdichtet. Wohin mit dem Verkehr? Wohin mit den Autos? Wo ist ein attraktiver Nahverkehr vor der Haustür? Wo ist der nächste freie Kitaplatz? In welche Schule gehen die Kinder, die zukünftig dort wohnen?

Und ja, am Ende des Tages geht es auch um die Frage von bezahlbarem Wohnraum. Wohin soll sich unser Dorf entwickeln? Soll es weiterhin Heimat für jeden sein oder nur noch für die diejenigen, die ihren Geldbeutel entsprechend weit öffnen können? Mich persönlich belastet es sehr, wenn ich mit Menschen rede, die ihr Leben lang hier leben, aber Sorge haben, ob sie sich die Wohnung für sich und ihre Familie zukünftig noch leisten können. Mich belastet es, wenn Familien sich hier mit einem Eigenheim sesshaft machen wollen, aber die Preise einfach fernab von Gut und Böse sind.

Es ist gut, dass diese Fragen anhand von konkreten und greifbaren Diskussionen wie hier, aber auch zum Beispiel in Ickten, aufgriffen und ins Bewusstsein gerückt werden. Und diese Diskussion ist bei weitem noch nicht beendet, sie beginnt gerade erst. Und wir dürfen nicht aufhören, für das Wohl unserer Stadtteile zu streiten.

Heute an diesem Tag möchte ich aber auch dem engagierten Nachbarschaftskreis Danke sagen – für den Einsatz, die Zeit und das Herzblut in diesem Kampf von David gegen Goliath. Sie haben ein wichtiges Werk getan. Gemeinsam mit vielen anderen Initiativen stadtweit haben sie Begriffe, wie „Identität eines Stadtteils“, „Heimat“, „Natur bewahren“ und „Stadtentwicklung im Interesse der Menschen“ in das öffentliche Bewusstsein gerückt und haben dabei eine bewundernswerte Professionalität und auch eine große Ausdauer an den Tag gelegt. Es zeichnet Sie aus, dass Sie immer durch Sachlichkeit und Detailtreue in der Argumentation der Ignoranz begegnet sind, die Ihnen so mannigfach entgegengebracht wurde.

Ich weiß nicht, was noch kommt. Aber Sie dürfen mich auch weiterhin vertrauensvoll an Ihrer Seite wissen.

Bleiben Sie streitbar, bleiben Sie engagiert und setzen Sie sich weiterhin für ein liebens- und lebenswertes Umfeld ein. Hier und anderswo.

Ich danke Ihnen.


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